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Bauen im Bestand

Max Hilbert von JK&P spricht über die Transformation der Halle 4 in eine Werkstatt zur Entwicklung der Zukunft.
 


Über die Transformation der Halle 4 in eine Werkstatt zur Entwicklung der Zukunft, Bauen im Bestand, die Verwendung sekundärer Ressourcen sowie die damit einhergehenden Chancen und Herausforderungen für die Architektur spricht unsere Redaktion mit Max Hilbert, einem der zuständigen Architekten für den Umbau der CampusVäre aus dem Büro JK&P. 

 

Redaktion:
Max, gemeinsam mit Johannes Kaufmann und Michael Wehinger (Partner, JK&P) bist du für die Planung und den Umbau der rund 35 Jahre alten Halle 4 verantwortlich. Der Umbau einer ehemaligen Industriehalle ist eine Aufgabe, die ein Architekt nicht jeden Tag als Auftrag bekommt. Wie ist es für euch und welches sind die größten Chancen und Herausforderungen?

 


Max:
Das stimmt, beim Projekt CampusVäre ist vieles anders. Bei alltäglicheren Aufgaben geben unsere Kunden ein klares Ziel und oft auch ein Raumprogramm vor und wir entwickeln gemeinsam die besten Lösungen, um dieses Ziel zu erreichen. Als wir mit der Planung des Umbaus von Halle 4 vor gut einem Jahr begonnen haben, war klar, dass daraus ein Raum für Büros, Ateliers und Gastro entstehen soll, aber der Weg dahin war offen. Es begann ein partizipativer Prozess, bei dem sich durch den intensiven Austausch mit der Auftraggeberin, den künftigen Nutzer:innen und einem großen Team an Fachplanenden das Konzept mehr und mehr herauskristallisierte. 
Interessant ist auch der Umgang mit den Materialien. Anstatt etwas im Büro zu entwerfen und mit festgelegten Materialien zu planen, schauen wir, welches Material vor Ort oder bei Abbruchobjekten in der Umgebung vorhanden ist und versuchen diese kreativ einzusetzen. 

Redaktion:
Die Materialien sind ein sehr spannendes Thema bei diesem Bauprojekt, denn die Vorgabe der Bauherrin der Stadt Dornbirn ist bezüglich Materialien ganz klar: Oberste Priorität hat die Auseinandersetzung und kreative Verwendung sekundärer Ressourcen. Sind diese in Verfügbarkeit oder Zweckmäßigkeit erschöpft, sind nachwachsende oder kreislauffähige Ressourcen zu wählen. Wie geht ihr das an?

Max:
Diese Art des Arbeitens stellt den konventionellen Planungsprozess auf den Kopf, denn es wird anhand der Verfügbarkeit mitentschieden, wie das Projekt am Ende aussieht. Das ist ein weiterer Impuls von außen, der das Projekt entscheidend prägt und zu spannenden Lösungen führt. Dafür begutachten wir regelmäßig Abbruchobjekte in der Umgebung und nehmen interessante Materialien mit in die Planung auf. Außerdem wird im Projekt alles hinterfragt, was ansonsten Standard ist.

Redaktion:
Was genau hinterfragt ihr?

Max:
Oberflächenqualitäten, Ausbaustandards, Technische Ausstattung, Normen, Schallschutz, Komfort…  Die Liste ließe sich beliebig erweitern. Vieles wird aus Gewohnheit und überzogenen Sicherheitsreserven gemacht und dadurch der Materialaufwand und die Kosten unnötigerweise in die Höhe getrieben. Das ist weder für den Geldbeutel noch für die Umwelt gut. Natürlich bewegt sich alles, was wir tun im rechtlichen Rahmen, aber auch die meisten rechtlichen Vorgaben und Normen haben gewisse Spielräume, die kreativ genutzt werden können und dadurch zu einem enormen Einsparpotenzial werden können.

Redaktion:
Kannst du uns ein konkretes Beispiel nennen, bei welchem wir die Herausforderungen im Projekt erfahren können?

Max:
Ein großes Thema ist das natürliche Tageslicht. Drei, der insgesamt vier Außenwände von Halle 4 sind mit anderen Hallen besetzt. Klassische Öffnungen nach außen, die das Licht ins Innere bringen, waren deshalb nicht möglich. Bereits in einer frühen Phase des Projektes wurden deshalb unterschiedliche Optionen durchgespielt und letztendlich eine Variante mit einem großen, begrünten Innenhof favorisiert. Um die Variante zu prüfen, wurde ein großes Modell der Halle im Maßstab 1:25 (2,4 m x 1,6 m) gebaut und eine Lichtmessung auf dem Bestandsdach von Halle 4 vorgenommen und im Anschluss ausgewertet. Auf dieser Basis konnte die Lichtführung weiter optimiert werden. Über die Lichtmessung hinaus war das Modell für uns aber auch ein ideales Mittel, um andere Entwurfsentscheidungen direkt im physischen Raum treffen zu können.

Redaktion:
Wie kann man sich das Innere des Gebäudes vorstellen? Wir wissen jetzt, dass in der Mitte ein Innenhof sein wird, was passiert noch?

Max:
Im Eingangsbereich entsteht ein großzügiges Holzdeck mit angegliederter Gastronomie und Empfangsbereich. In die Halle wird eine Zwischenebene in Holzbauweise eingesetzt. Auf zwei Ebenen befinden sich Büros, das designforum Vorarlberg, ein Auditorium und Besprechungsräume. Der Hallenraum wird durch Möbel und mobile Besprechungsboxen zusätzlich genutzt. Im Bereich des Innenhofs ragt das Gebäude über das bestehende Hallendach hinaus und es entsteht eine attraktive Dachterrasse. Durch ein klares 3,6 m x 3,6 m Raster wird auf ein flexibles und wirtschaftliches Konstruktionsprinzip gesetzt, das künftige Anpassungen ermöglicht.

Redaktion:
Welche Herausforderungen entstehen durch die unterschiedlichen Nutzungen?

Max:
Das Projekt soll sich auch künftig immer wieder wandeln und an unterschiedliche Bedürfnisse anpassen können. Wir haben versucht durch das klare Raster eine solide Grundstruktur anzulegen, die die Nutzer:innen bespielen können. Die Aufgabe war nicht strikt, sondern flexibel geschrieben und so soll sich auch Halle 4 über die kommenden Jahre ständig verändern dürfen. Mit anderen Worten: Ein partizipativer Raum, in dem Ideen umgesetzt werden können. In der CampusVäre darf sich alles durch die vielen Formate und Akteure verändern, formen und verbessern. 

Redaktion:
Danke Max, für deine interessanten Ausführungen. Zum Schluss würde uns noch interessieren, was euch Architekten an der CampusVäre besonders inspiriert.

Max:
Die Sägenhallen sind an sich Inspiration genug. Es hat eine Weile gedauert, bis man sich in den Hallen, Fluren und Kellern zurechtgefunden hat, aber es ist immer wieder spannend, wie sich bei jeder Besichtigung neue „Baustellen“ aber auch Ideen auftun. Wir wollen aus ökologischen Gründen so wenige neue Bauteile wie möglich verwenden. Wir setzten auf sekundäre, nachwachsende und kreislauffähige Ressourcen. Und wir achten darauf, dass alles wieder auseinandergebaut werden kann und der ökologische Fußabdruck so gering, wie möglich sein wird.